H ö r s t e i n - Ortsgeschichte (zusammengestellt von Gisela Wieland ) Durch Ausgrabungsfunde eines keltischen Brandgräberfeldes (75 Gräber) wissen wir heute dass eine frühe Besiedlung in der Latene-Zeit (250 v. Chr. bis 50 n. Chr.) stattgefunden hat. (Exponate im Stiftsmuseum Aschaffenburg). Auch aus der Merowingerzeit sind Funde vorhanden. Die früheste schriftliche Notiz über Hörstein finden wir im Anhang einer Evangelienhandschrift der früheren Benediktinerabtei Seligenstadt (Einhard, Sekretär u. Schreiber Karls d. Gr. gründete 828/29 die Abtei), die im 9. Jhdt. in Lorsch geschrieben wurde (Hess. Landes- und Hochschulbibliothek Darmstadt: Codex 1957 fol 182v)). Da Pergament kostbar war, wurden die freien Stellen im sogen. ‚Seligenstädter Evangeliar’ mit Einkünften der Abtei (Zinsregister) ausgefüllt. Unter den 38 Ortschaften, die Abgaben entrichteten, befindet sich auch die Notiz „De Hurstin Hartpraht II denarii“ So legte sicherlich die Abtei Seligenstadt den Grundstein für Hörstein. Sie besaß bereits um das Jahr 1000 Weinberge und Gehöfte in Hörstein (Abtsberg). 1059 wurde die Abtei durch Heinrich IV. an das Erzbistum Mainz angegliedert. Daher erscheint 1063 der Ortsname ‚Hursten’ in einer Schenkungsurkunde Die Äbte waren auch Obermärker im Markverband „Hohe Mark“ zuletzt unter dem Grafen von Berbach bis 1158. Dieser wurde unter Barbarossa Friedr. I. wieder ‚reichsunmittelbar’. So bildete sich von 1184 bis 1500 das unabhängige Freie Gericht Wilmundsheim vor dem Berge/ vor der Hart (= freie Wahl der Schöffen und Zentgrafen) mit den Zentgerichten Mömbris, Somborn und Wilmundsheim. Erst in der Urkunde von 1309 wird das Freie Gericht mit 4 Zentgerichten bezeugt: nun auch mit dem Zentgericht Hörstein. Zwischen 1309 und 1386 wurden Grund- und Gerichtsrechte veräußert/verpfändet: Eppstein/Kronberg, 1425 erwirbt das Mainzer Erzstift das ‚Eppsteinische Drittel’ ( daher unsere heutige Mainzer Gasse, als Keltergasse wurde sie von Mainzer Leibeigenen bewohnt). 1399 erbaute Kurmainz die Burg Alzenau. 1401 erhielt Alzenau Markt- und Stadtrechte, verliehen von König Rupprecht . 1405 wurden die Raubritterburgen Wasserlos, Mömbris, und Hauenstein zerstört . Von da an streiten sich die Grafschaft Hanau und die Kurfürsten von Mainz um Grund und Boden und natürlich um Einfluss im Freien Gericht. Kondominatsherrschaft ( Mainz und Grafschaft Hanau) von 1500 bis 1748 – daher Doppelwappen beider Herrschaften in Hörstein: an der Pforte und am Wasserloser Tor. Das Zentgericht Hörstein bestand aus den Orten Hörstein, Großwelzheim, Kahl, Bruchhausen und Brischoß. Die Urkunden beinhalten wirtschaftliche Abläufe und Veränderungen. Die rechtlichen Benennungen erfahren wir u.a. durch drei schriftlich belegte „Märkerdinge“ : 1361, 1386 und 1389, wobei es jeweils um die Absetzung der Landrichter Johann und Friedrich von Rannenberg und die Wahl des Abtes von Seligenstadt zum Gerichtsherren geht. (München Reichsarchiv – Urkunden Mainzer Erzstift/ Reimer II/3 Nr. 383/ Steiner „Freigericht Wilmundsheim“) Die Abtei Seligenstadt hatte in Hörstein Dauerbesitzungen: Weinberge und Schafhaltung (urkundlich ab 1331). Kahl und Hörstein waren eine gemeinsame Pfarrei, die 1326 von der Abtei Seligenstadt inkorporiert wurde. 1409 stiftet Pfarrer Peter Pauli aus Krotzenburg einen Altar in Hörstein.1502 wurde die Pfarrei, nunmehr Hörstein, dem Stift Aschaffenburg einverleibt, Seit 1588 übte Kurmainz, gemeinsam mit dem Stift Aschaffenburg die Patronatsrechte aus. Die Zentabgaben: 2/3 nach Kurmainz und 1/3 nach dem Stift Aschaffenburg. In der Urkunde (‚landesherrliche Begnadigung’) von 1529 wird Hörstein als Hauptort des Freien Gerichts erwähnt (Abschrift im ‚Rotes Buch’), mit eigenem Gemeindewappen ab 1587. Schon um 1530 wird eine ‚Kindleinsschul’ genannt. Ab 1590 Bau der Ringmauer mit sieben Toren – Bildkarte von 1592 sogen. „Jordan-Karte“ – (Rotes Buch) Um 1600 kurze Blütezeit durch Ackerbau, Weinbau und Handwerker. Es entstanden Zehntscheune (1517), Dornheckerhaus/Kittelhaus (1532), Schafhof (1603), Schöfershof/Edelmannshof (1612), Zehnthof ( 1617). Ab 1600 gemeindeeigene Wasserleitung mit Brunnen, eigene Marktrechte mit Marktfahne. Hörstein war Gerichts- und Gefängnisort im Freigerichter Hexenprozess von 1601 bis 1605: 139 Opfer aus dem Freigericht, aus Hörstein 34 Frauen und 1 Mann. Hexenturm – Hinrichtungsbrände - Gerichtsplatz (siehe Dr. Christian Grebner) PEST: 1605 bis 1608 erste Pestfälle ( Pestfriedhof vor der Mauer) von 1625 bis 1627 400 Pesttote (etwa die Hälfte der Bevölkerung) 1667 : weitere 20 Pesttote Kriege: Im Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) vor allem ab 1634 schwere Schäden innerhalb der Mauer: Einquartierungen (Kaiserliche und Schweden) – starker Rückgang der Bevölkerung 1673 die Raubkriege Ludwigs XIV. Einquartierungen und Plünderungen 1743 Schlacht bei Dettingen (Franzosen, Engländer, Österreicher, Preußen) 1796 , 1806 bis 1813 Franzosenkriege (Napoleonische Kriege) Einquartierungen, Kriegslasten, Viehseuche Veränderungen: Mit der Ämterreform von 1782 kommt Hörstein zum Alzenauer Amtsbezirk. 1803 Säkularisation – Reichsdeputationshauptschluß bis 1816 gehört Hörstein zu Hessen – Darmstadt 1816 Hörstein wird mit Alzenau, Miltenberg und Amorbach bayerisch Mitte des 19. Jahrhunderts beginnt eine bescheidene Industrialisierung am Untermain. Bevölkerungswachstum und Hungerepidemien 1851/52 , Missjahre bis 1879 – allgemeine Unruhen und Wirtschaftskrisen wechseln sich ab. Das hat auch eine Auswanderungswelle zur Folge: von 1833 bis 1867 (lt. Pfarrarchiv Hörstein) verlassen 365 Männer, Frauen und Kinder ihren Heimatort Hörstein in Richtung „Neue Welt“ bei einer Einwohnerzahl im Jahre 1834 von 1.276 Personen. Weitere Kriege: 1866 Bruderkrieg (Bayern/Preußen) preußische Einquartierungen – Kriegslasten und ein Soldat gefallen 1870/71 Französischer Krieg - 33 teilnehmende Soldaten, davon gefallen und an Kriegsleiden verstorben: fünf Soldaten 1914 bis 1918 Erster Weltkrieg : 43 gefallene Soldaten aus Hörstein 1939 bis 1945 Zweiter Weltkrieg: 136 Gefallene, Vermisste und Verstorbene Bis 1940 löst sich die gesamte jüdische Gemeinde in Hörstein mit ca. 100 Personen auf, verzieht oder wandert auf Grund von Repressalien des Nazi-Regimes aus. Ab 1951 Aufnahme von Vertriebenen des II. Weltkrieges. Etwa 130 Personen ( vor allem aus Schlesien und dem Sudetenland) siedeln sich an. 1975: Eingemeindung der ehemaligen Marktgemeinde Hörstein zur Stadt Alzenau. (Juni 2002) Diese Darstellung erhebt kein Anspruch auf Vollständigkeit. Wer mehr über die einzelnen Zeitgeschehnisse erfahren will, kann sich einschlägige Literatur in der Stadtbibliothek Alzenau kostenlos ausleihen.
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